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Nun also auch Prof. Manuel Ammann: Ein Foto des Rektors der Universität St.Gallen (HSG) tauchte im Januar 2026 auf Websites mit kryptischen URLs auf. Gemeinsam mit Fotos von Bundesrätin Karin Keller-Sutter und weiteren Personen aus Wissenschaft und Wirtschaft. Die Website imitierte das Layout von 20 Minuten oder Blick. Dabei wurde im Stil eines News-Artikels mit erfundenen Zitaten und manipulierten Bildern der Eindruck erweckt, der Bundesrat habe an einer Medienkonferenz eine staatliche Investitionsplattform lanciert. Für die gezeigten Personen ist die Sache sehr unangenehm, zumal im Zusammenhang mit Identitätsdiebstahl angestrengte Strafverfahren oft ernüchternd verlaufen. Schlimmer noch für alle jene, die der Sache vertrauten, die Plattform besuchten und Geld überwiesen: Sie dürften alles verloren haben. Leider handelt es sich bei Online-Anlagebetrug auch nicht um ein neues Phänomen, sondern ein weit verbreitetes.
Wie die Studie «Swiss Crime Survey 2022» zeigt, gehört Anlage-Betrug zu den häufigsten Delikten hierzulande. «Unsere Opferbefragung, welche auch die nicht zur Anzeige gebrachten Delikte misst, zeigt, dass 8,4 Prozent der Schweizer Bevölkerung im Jahr 2022 Opfer eines zumindest versuchten Betrugs geworden sind», so Studienautorin Nora Markwalder, Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der HSG. «Die häufigste Form ist der Online-Anlagebetrug mit über einem Viertel der Fälle». Obwohl es sich um ein Massendelikt handelt, wird selten Anzeige erstattet. «Nur 14,8 Prozent der betroffenen Personen gaben an, den Betrug der Polizei gemeldet zu haben.» Dies sei sehr wenig, gibt Nora Markwalder zu bedenken: «Nur Sexualdelikte haben eine geringere Anzeigerate.» Ein Grund dürfte sein, dass sich viele Opfer schämen, darauf reingefallen zu sein. Folglich ist die für 2025 geschätzte Schadenssumme von rund 250 Millionen Franken in der Schweiz mit Vorsicht zu geniessen. Inklusive Dunkelziffer dürfte es deutlich mehr sein.
Doch zurück zur zwielichtigen Website: Wie gelangte man dorthin? Über Online-Werbung, die von Microsoft Advertising ausgespielt wurde. Darin wurde für eine «Methode» geworben, ein «Zweites Einkommen» zu generieren. Spannend: Absender der Anzeige war eine Website, die prima Vista den Eindruck einer seriösen Plattform für Onlinekurse macht. Mit der Seriosität ist es bei genauerer Überprüfung aber nicht weit her: Die Firma teilte sich zunächst Adresse und Telefonnummer mit einem Hotel in Yverdon, später waren es die Koordinaten eines Luzerner Kulturbetriebs. Im Handelsregister ist die GmbH nicht auffindbar. Doch wozu das alles? Womöglich nur, um den Anschein eines seriösen Werbetreibers zu erwecken?
Online-Anlagebetrug wäre kaum so erfolgreich ohne den Siegeszug von «Programmatic Advertising» (siehe Infobox). Der Anteil der Online-Werbung, die vollautomatisiert ausgespielt wird, steigt seit Jahren stetig. Laut Statista Market Insights wird mittlerweile über 83 Prozent aller Online-Werbung auf diese Weise platziert. Kontrollen sind dabei minimal bis inexistent.
von Professor Marcus Schögel, IMC-HSG
Programmatic Advertising ist das dominierende Modell digitaler Werbung. Es handelt sich um einen hochautomatisierten Markt, in dem Aufmerksamkeit als standardisierte Ware (Impressions) in Echtzeit gehandelt wird. Preise entstehen über algorithmische Auktionen (Real-Time Bidding), gesteuert durch Prognosen zur Wahrscheinlichkeit von Klicks oder Conversions. Das zugrunde liegende Geschäftsmodell ist transaktions- und volumengetrieben. Plattformen und Intermediäre verdienen über Provisionen an Mediabudgets, ergänzt durch Daten-, Targeting-, Optimierungs- und Infrastrukturleistungen. Besonders profitabel sind vertikal integrierte Systeme (z. B. Search, Social, Retail Media), die Inventar, Nutzerdaten, Auktion und Ausspielung kontrollieren. Skaleneffekte sind erheblich: Grenzkosten pro zusätzlicher Impression tendieren gegen Null, während zusätzliche Auktionen unmittelbar Umsatz generieren. Die Vorteile für Anbieter sind hohe Automatisierung, Skalierbarkeit und planbare, performancebasierte Erlöse.
Nutzer hingegen spüren die Kehrseite des Effizienzmodells. Da Optimierungslogiken primär auf Reichweite, Engagement und Konversion zielen, geraten Kontext, Qualität und Genauigkeit in den Hintergrund. Nutzer erleben hohe Werbedichte, sinkende Trennschärfe zwischen Inhalt und Werbung, datengetriebenes Targeting mit Kontrollverlust sowie eine erhöhte Exposition gegenüber irreführenden oder betrügerischen Anzeigen. Die entstehenden Vertrauens- und Aufmerksamkeitskosten werden systemisch externalisiert. Die Verbindung zu Werbebetrug (Ad Fraud) ist inhärent. Geringe Eintrittsbarrieren, Automatisierung und Skalierung machen betrügerische Akteure zu kurzfristig rationalen Marktteilnehmern. Da Erlöse am Volumen hängen und Haftung sowie Reputationsschäden kaum internalisiert sind, ist Ad Fraud aus Sicht der Plattformen anscheinend ein zwar unangenehmes, aber schwer zu behebendes «Nebenprodukt».
KI wirkt dabei als Verstärker. KI-Modelle steuern Gebote, Targeting und Budgetallokation in Echtzeit und erhöhen Effizienz und Geschwindigkeit massiv. Auch Betrüger nutzen KI zur schnellen Variation und Umgehung von Kontrollen. Es entsteht ein algorithmisches Wettrüsten, bei dem Effizienz schneller skaliert als die Governance.
2018 musste sich Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im Zuge des Cambridge-Analytica-Skandals vor einem US-Senatsausschuss erklären. Ihm war anzusehen, wie unangenehm die Situation war. Als ihn der inzwischen verstorbene Senator Orrin Hatch aber fragte, wie Facebook ein Geschäftsmodell aufrechterhalten könne, bei dem man nicht für Dienste bezahle, kam die Antwort schnell und unbekümmert: «Senator, wir schalten Anzeigen.» Daran hat sich nichts geändert. Worüber man beim Mutterkonzern Meta aber ungern spricht: Betrügerische Anzeigen sind eine wesentlicher Teil davon. Meta scheint dies zu wissen, wie die Nachrichtenagentur Reuters kürzlich bekanntmachte, nachdem interne Dokumente den Weg zur Redaktion fanden. Demnach sind auf den Plattformen des Konzerns bis zu 15 Milliarden «Anzeigen mit höherem Risiko» zu sehen. Tagtäglich! Angesichts der rund 16 Milliarden USD, die Meta mit solchen Anzeigen jährlich verdienen soll, ist es fast schon verständlich, dass man sich das lukrative Geschäft nicht selbst kaputt machen will. Wie Reuters-Autor Jeff Horwitz in einem weiteren Artikel am Beispiel Japan aufzeigt, scheut der Konzern keine Mühe, um das Problem zu verschleiern und weiteren Regulierungen zu entgehen.
Nicht im Silicon Valley, sondern in Sihanoukville oder Bavet (Kambodscha) sind etwas andere Technologie-Unternehmen domiziliert: Sogenannte «Scam Centers», oft unter chinesischer Führung, betreiben u.a. Online-Anlagebetrug als Geschäftsmodell. Menschen werden dort unter sklavenartigen Bedingungen gezwungen, ahnungslosen Opfern das Geld abzuknüpfen. Kambodscha hat sich in den letzten Jahren zum globalen Hub für solche Unternehmungen entwickelt. Amnesty International hat über 50 solcher Centers in Kambodscha identifiziert. Im Zuge der Auseinandersetzungen im Grenzgebiet zu Thailand nahm die thailändische Armee kürzlich auch «Hotels» und «Casinos» ins Visier, bei denen es sich tatsächlich um Scam Centers handeln dürfte.
Hinter betrügerischen Anzeigen im Web stecken also oft kriminelle Organisationen, die ihr Geschäft unter Missachtung von Gesetzen und Menschenrechten betreiben. Dass westliche, börsennotierte Firmen nicht alles in ihrer Macht stehende unternehmen, solche Aktivitäten auf ihren Plattformen zu unterbinden, ist bedenklich. Höchste Zeit, dass Gesetzgeber Druck machen. Es eilt, da KI eine Zunahme betrügerischer Aktivitäten bewirkt. «Dies ist ein grosses Problem –in der Schweiz und in der EU», sagt Professorin Miriam Buiten, die an der HSG u.a. zu Technologie- und Informationsrecht lehrt und forscht. Aus regulatorischer Sicht kommen zwei Themen zusammen:
1. die Notwendigkeit, Plattformen zu verpflichten, betrügerische Werbetreibende konsequent zu sperren
2. der Bedarf an Regeln zu KI und Deepfakes, verbunden mit der Pflicht für Plattformen, betrügerische Inhalte aktiv zu erkennen und zu entfernen.
In der EU setzt der Digital Services Act (DSA) genau hier an. Er verpflichtet Plattformen insbesondere dazu,
Werbetreibende zu überprüfen («Know Your Business Customer»), damit sich Betrüger nicht hinter falschen Identitäten verstecken können
Transparenz bei Werbung sicherzustellen (wer bezahlt hat und warum Nutzer:innen diese Werbung sehen)
Illegale und betrügerische Werbung rasch zu entfernen, sobald sie erkannt oder gemeldet wird
Systemische Risiken zu analysieren und zu reduzieren, insbesondere im Zusammenhang mit Scam- und Täuschungswerbung (vor allem bei sehr grossen Plattformen)
Melde- und Beschwerdemechanismen bereitzustellen.
Die Europäische Kommission hat mit der Durchsetzung der DSA-Pflichten begonnen. So hat sich TikTok nach einer Untersuchung im letzten Jahr verpflichtet, die Werbetransparenz zu verbessern, damit Nutzerinnen und Nutzer potenzielle Scams leichter erkennen. Im September 2025 hat die Kommission zudem Informationsanfragen an grosse Plattformen und Suchmaschinen geschickt, um zu klären, wie sie Risiken im Zusammenhang mit Finanzbetrug identifizieren und managen. «Die Durchsetzung ist aber noch alles andere als perfekt», gibt Miriam Buiten zu bedenken. In der Praxis werden betrügerische Werbetreibende teilweise gesperrt, doch viele Scam-Anzeigen bleiben lange online oder tauchen unter neuen Accounts rasch wieder auf. Echte Veränderungen verlaufen langsam und hängen letztlich davon ab, ob Plattformen betrügerische Werbekunden konsequent ausschliessen – auch wenn ihnen damit Einnahmen entgehen.
«Auch in der Schweiz muss man von den Plattformen stärker verlangen, Betrug und Scam-Werbung wirksamer zu bekämpfen» ist Miriam Buiten überzeugt. Eine allgemeine Konsumenten‑Schutzregelung reiche nicht aus, weil betrügerischen Websites nur mithilfe der Plattformen Reichweite und somit potenzielle Opfer erreichen. Zudem seien die Plattformen selbst am besten in der Lage, missbräuchliche Inhalte zu erkennen und zu entfernen. Es sei gerechtfertigt, dass sie dafür Verantwortung übernehmen, weil sie von diesen Anzeigen profitieren. «In der Schweiz gibt es inzwischen einen Vorschlag für eine Plattformregulierung, leider nicht annähernd so weitreichend wie in der EU. Beispiele wie die eingangs Beschriebenen zeigen, dass es eine harte Plattformregulierung braucht, um echte Veränderungen zu bewirken.»