Artikel
Artikel
Freiheit ohne Vielfalt ist leer, Pluralität ohne Dialog bleibt blind. Umso bemerkenswerter ist es, wie viel Energie heute darauf verwendet wird, Wirklichkeit allein aus Zugängen spezialisierter Fächer zu erschliessen. Zu den grössten Schwachstellen gegenwärtiger Universitäten gehört deshalb nicht der Mangel an Wissen, sondern dessen Fragmentierung. Wir wissen immer mehr über immer weniger, untersuchen die kleinste Borste am linken Knie des Elefanten, ohne die Kreatur als Ganzes noch in den Blick zu nehmen.
Gewiss wird Spezialisierung unabdingbar bleiben. Wie notwendig, wie öffnend, wie bereichernd aber bleibt der Dialog über fachliche, auch über kulturelle Grenzen und methodische Abschottungen hinaus. Der Historiker erkennt Entwicklungen, die dem Betriebswissenschaftler verborgen bleiben. Die Anthropologin stellt kulturelle Selbstverständlichkeiten klar, die andere gar nicht bemerken. Jüngere Kolleg:innen sehen Möglichkeiten, wo ältere in erster Linie Risiken erkennen. Ältere Kollegen wiederum verfügen über Vergleichshorizonte, die Jüngeren naturgemäss fehlen. Im Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven entstehen bessere, weil weniger verzerrte Bilder.
Darüber hinaus bewahrt die Begegnung mit anderen Sichtweisen vor einer Haltung, die sich nirgends so rasch verbreitet wie in fragmentierten Wissenswelten. Gemeint ist die Gewissheit, über die richtigen Fragen und Begriffe bereits zu verfügen. Wer mit Gleichgesinnten spricht, findet Bestätigung, aber selten Überraschung. Diese Diagnosen und Erfahrungen bilden den Ursprung des neu gegründeten St.Gallen Collegiums an der HSG. Für ein Jahr kommen Forscher und Denkerinnen verschiedenster Disziplinen dort zusammen, um zentrale Fragestellungen unserer Gegenwart neu und lösungsorientiert zur Ansicht zu bringen. From insight to impact.
Nur zu schlüssig lautete das erste Jahresthema dieses neu gegründeten Denkforums deshalb «Re-interpreting Freedom». Spürt doch jeder wache Beobachter, wie die Grundannahmen der freiheitlichen Moderne, die seit gut 250 Jahren das Werden unserer Gesellschaften prägen, derzeit neu herausgefordert werden. Sei es mit politischem Blick auf das Ideal eines freiheitlichen Rechtsstaats; aus ökonomischer Sicht auf die liberale Klammer zwischen Wachstum, Wohlstand und Freiheit; oder aber kulturell auf den Zustand unserer Bildungssysteme und deren Ideal einer selbst zu gewinnenden Mündigkeit im Zeitalter der artificial intelligence. Freiheit als Grundlagenbegriff unserer expansiven Moderne: Wie liesse er sich neu fassen, aufgrund welcher Einsichten und Erfahrungen, mit welchen Handlungsfolgen?
Experimente, die diesen Namen verdienen, zeichnen es aus, scheitern zu können. Ihr Ausgang ist wesensgemäss offen, ihr Verlauf riskant, bereits ihr Ausgangspunkt umstritten. Jeder, der sich ernsthaft auf das Abenteuer eines interdisziplinären Dialogs eingelassen hat, weiss um die damit verbundenen Hürden, Fährnisse, Zumutungen. Bevor man dazu käme, ein Problem gemeinsam anzugehen, droht man sich an der Frage zu entzweien, worin das betreffende Problem bestehen mag. Ja, ob es als solches überhaupt existiere?
Die Erfahrungen des Kollegiums bildeten hierbei keine Ausnahme. In der Rückschau waren es vor allem drei, miteinander verbundene Themenkreise, welche die Diskussionen bestimmten und vorantrieben: die Frage nach Wohl und Wehe des insbesondere ökonomischen Wachstumsparadigmas; die Frage nach etwaigen, eher anthropologisch-philosophisch zu fassenden Ursprungspathologien unseres westlich-modernen Freiheitsverständnisses, sowie die Frage nach formulierbaren Hoffnungshorizonten für den Fortbestand liberaler Gesellschaften in planetarischem Kontext.
Vor allem an der Frage eines (angenommenen, unendlichen) Wirtschaftswachstums in einer Welt (angenommen endlicher) Ressourcen entspannen sich, über disziplinäre Grenzen hinweg, Diskussionen so kontrovers und tiefgreifend, dass es nicht aussichtsreich erschien, diese auf eine gemeinsame Position zentrieren zu wollen. Aktivistische Wachstumsskepsis traf auf emphatische Wachstums- und damit Systembejahung. Wobei eine dritte Fraktion in der wahlweise seit 50 oder aber 500 Jahren anhaltenden Fixierung des Diskurses auf die sogenannte Wachstumsfrage das eigentlich zu überwindende Übel unserer Zeit erkannte.
Auch mit Blick auf die Frage, worin vorherrschende Fehldeutungen von Freiheit bestünden und zu welcher Zeit sie kulturell dominant geworden waren, entspann sich ein Panorama so weit und gedehnt, dass es von keiner Zentralperspektive zu erfassen blieb. Wo der eine die bis heute leitenden Ursprungsverfehlungen im Übergang vom Paläolithikum (ca. 2,5 Millionen Jahre bis 10 000 Jahre v. Chr.) zum Mesolithikum (9500-5500 Jahre v. Chr.) verortete, erkannten andere die Ursprungszeit gegenwärtiger Freiheitsverfehlungen im 15. Jahrhundert der Venezianischen Republik, oder den von da ab einsetzenden Kolonialismen der Ausbeutung und Unterdrückung anderer Erdteile, insbesondere des afrikanischen. Kenntnisreiche Einzelstimmen bestritten in diesen Diskussionszusammenhängen beharrlich, dass von solchen Ursprungspathologien überhaupt die Rede sein könne. Sei bei Lichte betrachtet nicht alles in bester, tragfähiger, fortsetzungswürdiger Ordnung?
Bleibt die eine, einzige einheitliche Diagnose aus, zeigen sich auch die Therapieangebote divers. Sollten wir wirklich wünschen, dass es anders sei? Oder zeichnet sich das Experiment menschlichen Freiheits- und Erkenntnisstrebens nicht dadurch aus, plausible Perspektiven auf das uns Offenbare beständig zu vervielfältigen – und damit auch Handlungskomplexität zu erhöhen? Wäre dem so, bliebe indes immer noch die Frage nach den vernünftig einholbaren Grenzen solcher Vielfalt: Gibt oder gäbe es auch Gesellschaften, die im Namen der Freiheit an solch selbst geschaffener Komplexität leiden, scheitern, gar verzweifeln? Leben wir derzeit in solch einer Phase anhebender Komplexitätsverzweiflung und also Hoffnungslosigkeit? Und zwar mit allen erwartbaren, nicht zuletzt politischen und demographischen Konsequenzen: vom Populismus in den Fundamentalismus; von der Nutzenmaximierung in die Selbst- und Naturverheerung; von der Überalterung der Gesellschaft in die manifeste Zukunftsverweigerung des beständigen Geburtenrückgangs. Wenn Fortschritt an Wachstum gebunden ist und Fortschritt immer auch geographisch zu denken ist, welche neuen Frontiers stehen der ebenso ermüdeten wie überhitzten Moderne unserer Gegenwart noch offen?
Es waren besagte Fragekonstellationen, die das Collegium dazu brachten, nach einer Form der Vielfalt zu suchen, die Breite bestehender Perspektiven zu veranschaulichen und im gleichen Zuge von möglichen Zukünften zu erzählen. Als Form bestimmte man sich auf ein Magazin, als zentrierenden Inhalt auf einen Inselstaat des Jahres 2050 namens Toiva, in dem erneuerte Konzeptionen von Freiheit politisch umgesetzt sein würden. Keine Utopie also, sondern ein gemeinsam ersonnener Best-Practice-Ort hoffnungsbereiter Zukunft.
Mit anderen Worten: Das erste Jahr im St.Gallen Collegium hat den Wert von Orten gemeinsamen Denkens und Suchens wunderbar erwiesen. In ihrer Produktivität lassen sie sich zwar nicht planen, dafür tilgen sie mit grosser Zuverlässigkeit eine Unzahl blinder Flecken. Sie fördern intellektuelle Bescheidenheit, führen zur Einsicht in die Bedingtheit eigener Annahmen und Argumente. Historiker und Anthropologen, Betriebs- und Wirtschaftswissenschaftler bringen nicht nur je eigene Wissensbestände und Methoden mit, sondern auch unterschiedliche Lebenserfahrungen, kulturelle Prägungen und politische Intuitionen. Daraus entsteht viel Reibung, mitunter auch Irritation und produktiver Widerspruch.
Selbst innerhalb der Gruppe erschien Freiheit zuletzt in einem neuen Licht. Niemand ist eine Insel. Mündigkeit wächst im Dialog. Erkenntnis an neuem Ort. Wer sich neuen Perspektiven öffnet, erweitert den Horizont des Denkbaren. Man wird nicht weniger frei, wo andere widersprechen; freier wird man vielmehr durch die Sichtung neuer Möglichkeiten. Die spannendsten Einsichten standen nie ex ante fest. Sie entstanden im Gespräch. Hier liegt vielleicht die schönste Erfahrung aus gemeinsamer Arbeit: dass am Ende nicht nur das Verständnis der Welt grösser geworden ist, sondern auch die Freiheit, sich in ihr zu bewegen.