Der Text deutet den Mythos von König Midas als zeitlose Kritik an grenzenloser Gewinnorientierung. Reichtum erscheint als Versprechen von Freiheit, entpuppt sich jedoch als zerstörerische Kraft, die Mensch, Beziehungen und Zukunft untergräbt. Das «Midas-Syndrom» beschreibt eine kulturell verstärkte Gier, die sich heute digital potenziert und ihre Kosten auf kommende Generationen verlagert.

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Gesundheitswarnung: Das Midas-Syndrom ist eine Gefahr für ihre Freiheit

Reichtum verspricht Unabhängigkeit. Aber verspricht er auch Freiheit? In einer Welt, in der die Gier nach mehr digital angetrieben wird, hilft ein Blick in die Mythologie, um zu sehen, dass der Weg ins Verderben führt.
Zusammenfassung Der Text deutet den Mythos von König Midas als zeitlose Kritik an grenzenloser Gewinnorientierung. Reichtum erscheint als Versprechen von Freiheit, entpuppt sich jedoch als zerstörerische Kraft, die Mensch, Beziehungen und Zukunft untergräbt. Das «Midas-Syndrom» beschreibt eine kulturell verstärkte Gier, die sich heute digital potenziert und ihre Kosten auf kommende Generationen verlagert.
Veröffentlicht am: 24.06.2026
Annette Kehnel

König Midas ist berühmt. Er war der konkurrenzlose Überflieger in der Welt der Schönen und Reichen. Nichts schränkte seine Freiheit ein – er musste nur mit dem Finger schnipsen, und die Welt gehorchte. Reichtum, Macht, Ansehen: alles da, alles jederzeit verfügbar.

Ein Versprechen ist ein Versprechen

Eines Nachts half er dem betrunkenen Gott Dionysos aus der Patsche. Dieser gab ihm zum Dank einen Wunsch frei. Midas wünschte sich, dass alles, was er berühre, zu Gold werde. Dionysos war sprachlos. Er war der Gott des Weines, Experte in Sachen Trunkenheit, nichts Menschliches war ihm fremd, doch dieser Wunsch übertraf alles an Torheit, was er bisher kannte. Wie dumm kann man sein? dachte er bei sich. Doch ein Versprechen – noch dazu ein göttliches – ist ein Versprechen. Er gewährte den Wunsch.

König Midas war begeistert. Was auch immer er anfasste, wurde zu Gold. Er streifte durch sein Königreich, berührte Blumen, Bäume, Tiere, Steine – alles verwandelte sich und wurde in die königlichen Schatzkammern abtransportiert. Heute würde man sagen: völlig losgelöst. Wie Major Tom schwebte er schwerelos durch die Businesswelt, schloss einen Deal nach dem anderen ab. Die Kurswerte stiegen, die Kapitalrendite explodierte.

Allerdings hatte er eine winzige Kleinigkeit vergessen. Eine Kleinigkeit, die alles zunichte machen sollte.

Verhungern am eigenen Reichtum

Als er – erschöpft, berauscht, im Glücksgefühl grenzenloser Freiheit – abends mit seinem Gefolge speisen wollte, griff er zum Becher. Gold. Er riss ein Stück Brot ab. Gold. Fleisch, Früchte, Wein – alles, was seine Finger berührten, erstarrte, glänzte, war tot. Man kann Gold nicht essen. Man kann Gold nicht trinken. Der reichste Mann der Welt verhungerte an seinem eigenen Reichtum.

Noch verstand er nicht, was da gerade geschah. Er versuchte es noch einmal. Und noch einmal. Vielleicht ein Irrtum. Vielleicht ein schlechter Traum. Der Midas Touch – das war doch der Königsweg zur Allmacht gewesen. Er war Midas. Er war unantastbar. Er hatte alles.

Dann betrat seine Tochter den Saal. Sie lief auf ihn zu – unbefangen, ahnungslos, wie Kinder es tun. Er sah sie kommen. Er wollte sie aufhalten, wollte schreien, wollte zurückweichen. Aber der Körper gehorchte nicht dem, was der Verstand noch immer nicht wahrhaben wollte. Er nahm sie in die Arme.

Sein eigenes Kind wurde zu Gold. Erstarrt. Kalt. Tot.

In dieser Stille – dieser absoluten, lähmenden Stille – brach die Illusion zusammen. Unaufhaltsam, und viel zu spät. Was er für Freiheit gehalten hatte, war längst ein Käfig. Er hatte nur die Stäbe nicht gesehen – weil sie aus Gold waren.

«Nennen wir es das Midas-Syndrom: das unstillbare Verlangen, alles zu Gold zu machen – die Welt als geopolitische Plattform zu betrachten, die ausschliesslich Deals und Gewinne ermöglicht.»

Das Midas-Syndrom

Die Geschichte ist uralt. Hesiod erzählt von Midas im 8. Jahrhundert vor Christus, Herodot preist Midas, den reichen König der Phrygier, und Ovid, ein grosser römischer Dichter bringt die Episode mit der Tochter ins Spiel: Dass Midas an seiner eigenen Gier zugrunde geht, ist nur die logische Konsequenz seiner Dummheit. Aber dass er seine Nachkommen mit ins Verderben zieht – sein eigenes Kind, all die, die nach ihm eine Welt bewohnen werden, die er in eine prachtvoll glänzende, aber leider leblose verwandelt hat – das ist gruselig. Die Strafe trifft nicht den, der sie verdient hätte. Sie trifft das Kind. Die Rechnung zahlen die Falschen.

Nennen wir es das Midas-Syndrom: das unstillbare Verlangen, alles zu Gold zu machen – die Welt als geopolitische Plattform zu betrachten, die ausschliesslich Deals und Gewinne ermöglicht. Die Logik dahinter ist oft erschreckend schlicht: Wer bekommt Zugriff? Wer kommt zuerst? Wer kassiert den Zuschlag? Midas merkte zu spät, dass er mit seiner Gabe nicht nur seinen eigenen Untergang betrieb – sondern die Grundlagen zerstörte, von denen alle leben.

Man muss nicht weit suchen, um Midas wiederzufinden. Doch bevor wir Namen nennen, lohnt sich die einfache Frage: Was verspricht der Midas Touch eigentlich? Freiheit. Unabhängigkeit. Die Möglichkeit, zu tun und zu lassen, was man will. Mehr Gold bedeutet mehr Optionen – so das Versprechen.

«Gold – Kapital, Vermögen, Rendite – ist nicht Freiheit. Es ist Mittel. Und wer das Mittel zum Ziel macht, hat das Ziel aus den Augen verloren.»

Der Mensch schrumpft

Hier liegt der Denkfehler. Denn Gold – Kapital, Vermögen, Rendite – ist nicht Freiheit. Es ist Mittel. Und wer das Mittel zum Ziel macht, hat das Ziel aus den Augen verloren. Wer alles gab im Studium, um endlich frei zu sein, arbeitet drei Jahre später achtzehn Stunden täglich – und nennt es Karriere. Wer mit der eigenen Startup-Idee ausbrechen wollte aus dem Hamsterrad des Konzerns, sitzt fünf Jahre später im eigenen Hamsterrad – nur dass man jetzt auch noch die Verantwortung für fünfhundert Mitarbeitende trägt. Wer mit dem ersten Bonus endlich unabhängig sein wollte, starrt morgens um drei auf Kurse und fragt sich, ab wieviel Millionen man aufhören darf. Die Antwort verschiebt sich jedes Jahr. Das Kapital wächst. Der Mensch schrumpft. Die Optionen nehmen zu – aber die Fähigkeit, sie zu nutzen, nimmt ab. Irgendwann dreht sich alles nur noch darum, das Gold zu sichern, zu mehren, zu verteidigen. Midas konnte am Ende nichts mehr anfassen. Der moderne Midas kann nichts mehr loslassen.

Und die Tochter des Midas erstarrt – nicht weil er böse ist. Sie stirbt, weil er nicht rechtzeitig aufgehört hat. Weil der Rausch stärker war als die Vernunft – und stärker als die Liebe. Was er ihr hinterlässt, ist keine Welt, in der sie leben kann. Sondern eine, die prachtvoll glänzt, aber vollständig leblos ist.
 

«Es gab gute Gründe dafür, dass die Gier nach Gold – Avaritia – über Jahrhunderte als Todsünde galt. Heute verehren wir Menschen mit dem Midas Touch als Heilige. Und wundern uns, warum der Wahnsinn regiert.»

Das Midas-Syndrom vererbt sich

Das ist die eigentliche Dimension des Midas-Syndroms: Es betrifft nicht nur den, der es hat. Es vererbt sich. Eine Generation häuft Gold an – auf Kosten des Klimas, der sozialen Infrastruktur, der demokratischen Institutionen, der Zukunft – und reicht der nächsten eine Welt weiter, in der immer weniger möglich ist. Nicht trotz des Reichtums. Sondern wegen ihm.
Das ist keine Schwäche des Einzelnen. Es ist die innere Logik des Midas Touch.

Es gab gute Gründe dafür, dass die Gier nach Gold – Avaritia – über Jahrhunderte als Todsünde galt. Heute verehren wir Menschen mit dem Midas Touch als Heilige. Und wundern uns, warum der Wahnsinn regiert.

Das Problem ist uralt. Die alten Griechen nannten es Pleonexia – den unersättlichen Appetit auf mehr, den sie als grössten Feind der Eudaimonia, des guten Lebens, betrachteten. Denn das war das erklärte Ziel der griechischen Philosophie: Wie kann gutes Leben gelingen? Wie können wir frei und glücklich leben? Ganz sicher nicht, indem wir uns unaufhörlich auf 'immer noch mehr' konzentrieren. Weder Freiheit noch Glück entstehen dadurch, dass man sich jeden Wunsch erfüllt – sondern durch tägliche Übung in Klugheit und Mässigung. Nicht der volle Warenkorb macht frei. Sondern die Haltung gegenüber dem Warenkorb.

Seneca formuliert das wunderbar in einem Paradox: «Nicht wer wenig hat, ist arm – sondern wer immer mehr haben will.»

Datenpunkte und der Wunsch nach mehr

Doch heute leben wir in einer Welt, die uns ständig einredet, dass wir mehr brauchen. Reid Hoffman, Mitgründer von LinkedIn, sagte es einmal unverblümt: «Social networks do best when they tap into one of the seven deadly sins. Facebook is ego. Zynga is sloth. LinkedIn is greed. With Instagram, it's vanity.» KI-gestützte Systeme lernen inzwischen aus Milliarden von Datenpunkten, welcher Reiz bei welchem Menschen welchen Wunsch nach mehr auslöst – präziser und individualisierter als je zuvor. Pleonexia als Dienstleistung, optimiert in Echtzeit, rund um die Uhr.

Der Midas Touch erwies sich als Fluch. Zu spät merkte Midas, dass man Gold nicht essen kann, dass seine Kinder verkümmerten und das Land, das er vergoldet hatte, keine Frucht mehr trug. Midas war verzweifelt, als er merkte, was er angerichtet hatte. Und Ovid erzählt, dass die Götter sich dann doch erbarmten. Midas, Erfinder des Midas Touch, der reichste aller Reichen fiel auf die Knie und bat Dionysos inständig um Befreiung von der verfluchten Gabe. 

Der Gott – milder als erwartet – hatte ein Einsehen, wies den armen Kerl an, sich im Fluss Paktolus zu waschen. Die Gabe floss aus seinem Körper zurück in das Wasser. Seither führt der Paktolus, ein kleiner Fluss in Lydien, in der heutigen Westtürkei, Gold in seinem Sand. Der Reichtum fliesst zurück in die Natur – die einzige Asset-Klasse, die Freiheit als Rendite auszahlt. Und Midas konnte seine Tochter wieder umarmen.

Medientipps

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Die Kyniker waren die Vertreter der antiken Punk-Philosophie – sie lebten auf der Straße, besaßen nichts, und hielten dem Midas ihrer Zeit den Spiegel vor. Diogenes, der im Fass lebte und Alexander den Großen bat, ihm doch bitte aus der Sonne zu gehen. Hier findet man die O-Töne. Scharf, witzig, hochaktuell.

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Schumacher war Chefvolkswirt und Berater des Britischen National Coal Board, dem größten Energiekonzern des Landes, reiste 1955 als Wirtschaftsberater nach Burma, und kam dort ins Fragen: Ist die reichste Gesellschaft jene, die am meisten produziert – oder jene, die am wenigsten braucht, um gut zu leben? Sein Vorschlag: Buddhist Economics statt Midas Touch. Pflichtlektüre.

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