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Ökonomische Stagnation, Umweltprobleme, Zuwanderung und Fremdenfeindlichkeit, eine Krise internationaler Diplomatie und Vertrauens, launenhafte Machthaber im Ausland, Verteilungskonflikte im Inneren, ein sich über Jahre hinziehender militärischer Konflikt im Osten. Klingt bekannt? Stimmt. Die Rede ist hier von der Republik Venedig im 16. Jahrhundert. Über lange Zeit eine der wohlhabendsten und einflussreichsten Kräfte Europas, mit einem Herrschaftsgebiet, das zeitweise Teile Norditaliens, der Adria und des Mittelmeers, darunter Inseln wie Kreta und Zypern, umfasste, verlor sie damals in nur wenigen Jahrzehnten den Anschluss an ihre internationale Konkurrenz. Bis heute stellt dieser Vorgang die Forschung vor Rätsel. Kapital, Infrastruktur, Netzwerke, Wissen, Institutionen, Arbeitskraft. Nach den Massstäben zeitgenössischer Theorie fehlte es der berühmten Lagunenstadt an nichts für eine positive Entwicklung. Gerade das macht, auch mit Blick auf gegenwärtige Herausforderungen, diesen Fall so interessant.
Nicht immer werden tiefgreifende soziale Veränderungen von einem großen Knall begleitet. Oftmals schleichen sie sich auch in den Alltag, verändern langsam Worte und Debatten, Weltenwürfe und Leitbilder. So auch in Venedig.
Die Kunst hat eine solche Verschiebung frühzeitig aufgegriffen: Vor einem großen Folianten, angelehnt an einen Globus, sitzt ein junger, in schwarzem Seidenrock gekleideter Adeliger. Neben ihm stehen zwei Damen, die um seine Aufmerksamkeit buhlen. Auf der linken Seite Minerva, die Göttin der Weisheit, Ausdruck und Verkörperung des kontemplativen Lebens. Mit ihrem linken Fuss auf einem steinernen Block positioniert, symbolisiert sie Ruhe und Stabilität. Dahinter steht Juno, in ihren Händen Krone und Zepter, Symbole des aktiven Lebens. Ihr Arm deutet nach rechts. Vor dem Hintergrund eines Marmorpalastes steht Venus, umgeben von Jägern, einem Pferd, Falken und Hunden - Zeichen eines Lebens der Freuden und Vergnügungen.
Dieses Gemälde entstand um 1575 in der Werkstatt des bekannten venezianischen Malers Paolo Veronese. Das Ringen zwischen Tugend und Leidenschaft war damals ein relativ populäres Bildthema in Kreisen des europäischen Adels und der Oberschicht. Das gewählte Motiv stand repräsentativ für die höfische Kultur dieser Tage. Ihre Liebe zu Spiel, Verausgabung und Erhabenheit, ihre Sehnsucht nach unendlichem Ruhm und Pracht, ihre Verleugnung und Absetzbewegungen von allen Tätigkeiten, die das Stigma der Bedürftigkeit, der körperlichen und manuellen Arbeit, der Sachzwänge oder materiellen Gegebenheiten trugen.
Das Tempo und die Tiefe, mit denen sich diese Kultur in der europäischen Oberschicht ausbreitete, variierten stark nach Ort und Gegebenheit. Im Kontext des historischen Venedigs stand dieses Gemälde symptomatisch für einen tiefgreifenden wie dramatischen Kulturwandel, der die Stadt und ihre Herrschaft in nur wenigen Jahrzehnten grundlegend transformieren sollte: die Abwendung ihrer Eliten von der Welt, von den cose del mondo.
Venedig war in den vorangegangenen Jahrhunderten weithin berühmt für eine ganze Reihe von Dingen. Dazu zählten ihre Freiheit, ihr Reichtum, ihre politische Verfassung und Institutionen, ihr Status als nie eroberte Stadt, ihre Baukunst - und schliesslich: die Eigenheit ihrer Patrizier, der gentilhuomini, aufs Engste nicht nur mit der Politik, sondern auch mit der Wirtschaft und der Sphäre des Handels verbunden zu sein. Während in grossen Teilen des damaligen Europas die adelige Oberschicht traditionell von den Renten und Erträgen des eigenen Landbesitzes lebte, herrschten in Venedig Familien, die in erheblichem Maße in kaufmännischen Tätigkeiten investiert waren; während andernorts junge Adelige ihre Bildung über heimische Tutorien, an Universitäten, im Kriegsdienst oder in höfischen Ämtern erhielten, sandten die Venezianer ihre Sprosse zur Lehre auf Schiffe, auf Handelsreisen, zu Messen und an fremde Kontore bevor sie in die Dienste der Republik traten.
In den Jahrzehnten vor der Schaffung des Gemäldes durch Paolo Veronese taten sich jedoch immer grössere Risse in diesem Bild auf. In seinem 1543 publizierten De magistratibus et republica veneta beobachtete der venezianische Gelehrte, Politiker und spätere Kardinal Gasparo Contarini mit melancholischem Unterton, dass die zu diesem Bildungsweg gehörenden «ancient lawes and goodly institutions do still continue euen till this time of ours, though sundry young men, being since the increase of our dominion corrupted eyther with ambition, or ryot, haue neglected their countrie customes», wie es in der ersten englischen Übersetzung des Werkes heisst. Diese Vernachlässigung wurzelte allerdings nicht, wie hier angedeutet wurde, in den kurzlebigen Launen junger venezianischer Patrizier, sondern in grundsätzlichen, strukturellen Veränderungen der Wirtschaft und Politik der Serenissima.
Beschleunigt durch venezianische Eroberungen auf dem italienischen Festland und die wachsenden Risiken eines durch Konkurrenz und Krieg bedrohten maritimen Handels begannen im späten 15. Jahrhundert immer mehr gentilhuomini Venedigs Landgüter im Gebiet des heutigen Veneto und darüber hinaus zu erwerben. Eine wachsende Zahl an Patrizierfamilien zog sich infolge der zumindest aktiven Teilhabe am Fernhandel zurück. Die Verpachtung von Ackerflächen oder auch die Versorgung der Großstadt Venedig mit Agrargütern versprach ein vergleichsweise sicheres Einkommen. Gleich den herrschenden Verhältnissen in Kontinentaleuropa verwandelte sich damit auch die Führungsschicht Venedigs in eine landed aristocracy. Ein sich in den kommenden Jahrhunderten und in verschiedenen Weltregionen regelmäßig wiederholendes Muster: Auf eine Phase der Öffnung und Dynamik folgt eine Phase der Abkühlung und Schliessung – massgeblich verursacht durch den Rückzug lokaler Oberschichten in die zumeist trügerische Sicherheit immobiler und positionaler Güter.
Die Folgen dieser Umorientierung im Falle Venedigs waren dramatisch. Sie betrafen und veränderten grundlegend die Struktur und Organisation der Gesellschaft. Wütend wetterte schon 1509 der venezianische Kaufmann, Bankier und Chronist Girolame Priuli in seinen Diari, dass sich die Jungen nurmehr lediglich nach höfischen Vergnügungen sehnen würden, auch weil sich die Oberschicht von Kaufleuten in einen Haufen von Landbesitzern und Rentiers, «senza experientia dele chosse del mondo», ohne Kenntnisse um die Belange der wirklichen Welt, verwandelt hätte.
Dabei ging es nicht nur um einen Verfall von Wissen und Kompetenzen in kommerziellen Angelegenheiten. Das Problem war tiefgreifender. Die Abwendung von den alltäglichen Themen des Wirtschaftens war vielmehr begleitet von einer breiteren Rückzugsbewegung aus der Praxis der Republik, das heisst auch aus den Alltagsgeschäften der Politik. Die Bewegung in die private Sphäre des je eigenen Landsitzes stand in diesem Sinne repräsentativ für eine spezifische Haltung, welche immer mehr Individuen der Nobilität zu den Angelegenheiten des Staates einnahmen - eine Haltung der Distanz, des Nicht-Involviert-Seins, der Ignoranz und Ablehnung gegenüber der Empirie und Praxis des Gemeinwesens.
Warum hat eine Republik, welche eine der ersten Agrarakademien Europas beheimatete, in solch geringem Masse Innovationen in der Landwirtschaft umgesetzt? Warum hat eine Republik, die das moderne Patentwesen maßgeblich mitbegründete, große Teile der Einfälle und Erfindungen nie realisiert? Warum hat eine Republik, die einst eine führende Stellung im Schiffbau einnahm, schon zum Ende des 16. Jahrhunderts den technologischen Anschluss an Engländer und Niederländer verloren?
In seinem zwischen 1572 und 1579 verfassten Werk Della perfezione della vita politica widmete der venezianische Historiker und Staatsmann Paolo Paruta den gesamten ersten Band dem Versuch, sein Publikum vom Wert des vita civile, eines Lebens im Dienst der öffentlichen Sache, zu überzeugen. Der Rückzug in eine privatistische Existenz, so sein Argument, bringe zwangsläufig Unheil über den Staat und seine Mitglieder. Die Widersacher seines Dialogs, ganz dem Zeitgeist der venezianischen Aristokratie entsprechend, wehrten sich gegen diesen Appell. Sie malten das vita civile in düsteren Farben. Wer sich auf diese irdische Welt, auf Handel und Wandel der Republik einlasse, «tue nichts anderes, als sich auf das von Winden aufgewühlte offene Meer zu begeben, als würde er Freude daran haben, sich dem Glück auszusetzen».
Kein privates Kapital, keine Institutionen, keine reichen Wissensbestände konnten letztlich diese Abwendung von den, wie Girolame Priuli sie nannte, «chosse del mondo» aufwiegen. Bereits Anfang des 17. Jahrhunderts war endgültig der Anschluss an die aufstrebenden Mächte des Atlantiks verloren.
Wenn sich die Welt verändert und Dinge im Umbruch sind, verspricht Distanz und Distanznahme ein Gefühl von Sicherheit und Frieden. Hier das Idyll des Rückzugs, der Familie, des Privaten – dort die Unruhe, die Unsicherheit, und Unübersichtlichkeit der äusseren Verhältnisse. Diese Konsequenz ist bis heute ebenso klar wie nachvollziehbar. Sie verweist auf eine grundlegende ethische Fragestellung: auf das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung. Die venezianischen Patrizier im oben genannten Werk von Paolo Paruta wussten und beschrieben sich als freie Wesen. Zugleich hofften einige unter ihnen, dass ihnen die Tugendhaftigkeit, gleich ihrer Freiheit, qua Natur und Geburt gegeben wäre. Ein Widerspruch, welcher den Protagonisten des ersten Bandes, den venezianischen Botschafter Michele Suriano, geradezu erzürnte. Wenn wir wirklich glaubten, dass «die Tugenden natürlich sind, was bleibt uns dann noch, um ihre Würde zu verteidigen? Dann würde es den guten Taten schnell an Verdienst mangeln; die tugendhaften Menschen würden aller ihrer Belohnungen beraubt bleiben; die Gesetze wären umsonst gemacht, die vielen Vorschriften der Philosophen über das gute Leben wären umsonst, und alle zivilen Ordnungen würden völlig zugrunde gehen».
Neben dem ganz praktischen Problem des Kompetenzverfalls – sowohl in wirtschaftlichen als auch politischen Belangen –, der sich aus der Unkenntnis um die «chosse del mondo» ergibt, zeigt sich der Akt der Abwendung hier als eine Frage individueller und gesellschaftlicher Verantwortung. Man könnte auch von einer Tugend der Hinwendung sprechen, Ausdruck einer Freiheit all jener, die auch anders könnten. Es galt und gilt, investiert zu bleiben.
Die Republik Venedig, welche in Krisenzeiten immer wieder verzinste Darlehen bei der eigenen Bevölkerung und insbesondere der Oberschicht aufnehmen musste, stand Ende des 16. Jahrhunderts hoch verschuldet da. Immer grösser wurde die Last von Zins und Tilgung. Während auf der einen Seite weiterhin ein großer Reichtum innerhalb der Familien existierte – an finanziellen Mitteln, aber auch an Fähigkeiten und Engagement -, verarmte die Öffentlichkeit (in all den genannten Dimensionen), als ein Modus der Assoziation jenseits des Privaten, zusehends. In einer Gesellschaft, in der der Rückzug von den Realitäten der Gesellschaft wichtige Teile der politischen und ökonomischen Subjekte erfasst, in der zu wenig in die geteilte Welt eines Gemeinwesens investiert wird, muss es fast zwangsläufig zu einem Zukunftsmangel kommen. Dann sind Stagnation und gehemmte Entwicklung eine fast notwendige Folge. Alles Weitere ist und bleibt eine Frage der Freiheit.

Buch
Die Zahl an Publikationen über die Krise Venedigs im 16. Jahrhundert ist gigantisch. Deshalb an dieser Stelle weniger eine Literatur-, denn eine Reiseempfehlung. Die alte kommerzielle Pracht und Stärke Venedigs, die führende Rolle der Stadt insbesondere in den Bereichen des Fernhandels und Kunsthandwerks, ist noch heute hautnah erlebbar. Vom Fondaco dei Tedeschi, über die seinerzeit auch St. Galler Waren vertrieben wurde, über Murano, dessen Glasprodukte damals bis in die neue Welt transportiert wurden, bis zum Arsenale, eine der ersten protoindustriellen Anlagen Europas. Dazu als Begleitlektüre sei der Stadtführer von Francesco Sansovino empfohlen, erschienen 1581, in einer englischen Neuausgabe von Vaughan Hart und Peter Hicks erhältlich. Dieses Buch wurde auch mit der Absicht geschrieben, in Angesicht der immer grösseren Risse im politischen und kulturellen Gefüge der Republik ein Bild der Einheit zu beschwören. Wer den damit adressierten Bruchlinien folgen möchte, dem sei ein anschliessender Ausflug auf das Festland und der Besuch einer Villa, den damals neuerrichteten Landsitzen venezianischer Patrizier, sehr ans Herz gelegt. Beispielhaft sei hier die Villa Barbaro in Maser genannt, geplant und gebaut von dem berühmten Architekten Andrea Palladio. Sie steht exemplarisch für die Zerrissenheit der damaligen Oberschicht. Ihre Auftraggeber, die Brüder Marc‘ Antonio und Daniele Barbaro, beschäftigten sich ihr ganzes Leben in Briefen und Büchern mit dem Spannungszustand von Land und Lagune, privatem Idyll und öffentlichen Angelegenheiten, Ab- und Hinwendung.