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Und was verstehen Sie unter Freiheit? Es liegt im Wesen dieser Frage, ganz verschiedene Antworten hervorzurufen. Mag ein Philosoph sich zu einer abstrakten Definition stimuliert sehen («Freiheit ist das Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen»), werden Politologen den Akzent auf demokratische Grundrechte politischer Selbstbestimmung legen, Ökonomen hingegen das Recht auf Eigentum und Vertragsschluss in den Vordergrund der Betrachtung stellen. Oder sollte man nicht eher ganz konkret beginnen: mit der Erinnerung an eine persönliche Freiheitserfahrung, an ein biographisches Ereignis, in dem man sich, vielleicht zum ersten Mal im Leben, ganz und gar frei wusste und begriff? Das erste Mal ohne Stützräder zu fahren, der erste eigene Urlaub, der erste Gehaltsscheck!
All diese Antwortmöglichkeiten haben ihr eigenes Recht, ihre eigene Richtigkeit. Genau darin, könnte man sagen, liegt menschliche Freiheit zunächst und vor allem begründet: in der fundamentalen Antwortoffenheit besagter Frage. Lassen Sie uns vor diesem Hintergrund also eine weitere Option erwägen: Welcher Ort, oder bestimmter, welche Stadt auf dieser Welt steht für Sie vor allem für Freiheit? Wie natürlich hält das kulturelle Gedächtnis westlicher Moderne mehrere Paradeantworten bereit: New York oder Paris! Berlin und London! Amsterdam, Genf, Athen! Wäre mittlerweile gar Dubai zu nennen? Einmal so abgerufen, liegt es zudem nahe, besagte Städte in historische Reihenfolge zu bringen. Denn tatsächlich öffnete jede von ihnen einen neu gewonnenen Freiheitshorizont, der zu Zeiten normativ auf den gesamten Kulturkreis, bald den gesamten Globus ausstrahlte. Galt im 17. Jahrhundert Amsterdam als Leitort neu gewonnener Freiheiten, war es im 18. Jahrhundert wohl London. Bald abgelöst von Paris, und New York mit Beginn des 20. Jahrhunderts, bis zum Ende des Jahrtausends Berlin zur Frontierstadt zukünftiger Freiheit wurde.
Und heute, im Jahre 2026? Wohin hätte ein geistesgegenwärtiger Blick sich zu wenden, sofern es um die Frage ginge, welche Stadt auf Erden in besonderer, gar beispielhafter Weise für ein Freiheitsverständnis steht, das in der Lage wäre, diesen Planeten der bald 10 Milliarden als einen der nachhaltig Freien zu imaginieren? Gewiss keine der bisher Genannten. Anstatt im Angesicht solcher Orientierungsnot, wie es etwa kalifornische Tech-Autokraten tun, libertäre Neugründungen auf hoher See oder gar fremden Planeten zu imaginieren, wäre eine Rückkehr an den eigentlichen Ursprungs- und damit Freiheitsort unserer Moderne zu erwägen. Also: Venedig.
So jetzt ist es raus. Und ich weiss natürlich, was Sie jetzt einwenden. Venedig, ausgerechnet. Diese in der eigenen Unwirklichkeit versinkende Nicht-Ort aus Übertourismus, Preisnepp, Musealisierung, Kreuzfahrtterror und Thomas-Mann-Gedächtnis-Kitsch. Nichts davon sei direkt bestritten. Und doch nimmt es der einzigartigen Kraft dieser Stadt nicht das Geringste. Denn wie ich dieses Frühjahr am eigenen Leibe erfahren durfte, vermag nichts, was man über diesen Ort zuvor gelesen, gesehen oder gehört haben mag, auf die offenbarende Wucht vorzubereiten, die Venedig gerade auf den Erstbesucher ausübt. Venedig als bis heute uneingelöstes Freiheitsversprechen.
Ob mein armer, alter, geschwächter und zunehmend belagerter Kontinent überhaupt noch begreifen kann, welche Verheissung diese Stadt einst für ihn barg und birgt? Genau an dieser Frage mag sich seine, unsere Zukunft entscheiden. Für annähernd 1000 Jahre bestand Venedig als souveräne Republik des freien Handels und innovativen Handwerks. Und versetzte zu seiner Hochzeit im 15. Jahrhundert in ein Staunen, das dem vor der Schöpfung selbst ähnelte. Nicht Amsterdam, nicht London, nicht New York, Schanghai oder Dubai sollten in der Nachfolge an den Zukunftsschock heranreichen, den Venedig – bis heute! – einzuflössen vermag. Wie sollen Menschen das geschaffen haben? Diese Schönheit? Diesen Reichtum? Diesen steinernen Balanceakt inmitten des Meeres? Die erste Antwort darauf lautet natürlich: Sie haben Venedig nicht geschaffen. Jedenfalls nicht allein.
Sollte es einen Ort auf Erden geben, der die nur noch pathologisch zu nennende Unsinnigkeit sämtlicher Dualismen vor Augen führt, auf der die spätere, global gewordene Moderne beruht, dann die lebendig poröse Lagunenstadt an der italienischen Adria: Kultur und Natur, Technik und Kunst, Land und Meer, ewige Substanz und vergängliches Akzidens, jede dieser modernen Basistrennungen wird von der schlichten Existenz Venedigs heilsam unterspült. Überzeugender haben Ökonomie und Ökologie nie zueinander gefunden. Eine andere Welt, ein anderes Weltverhältnis war also möglich. Ist es noch.
Anstatt auf den gnadenlosen Terror der Transparenz setzten Venedigs freie Bürger auf die egalitäre Kraft wiederkehrenden Maskenspiels. Anstatt auf regressive, letztlich bäuerliche Wachstumsskepsis auf die unendlichen Verfeinerungspotentiale menschlicher Ingeniosität. Anstatt auf Abschottung auf Freihandel, anstatt auf ozeanische Weltdominanz auf mediterrane Binnenordnung. Und ja: anstatt auf sich festfahrende Autos auf balancetüchtige Barkassen!
Natürlich sind das alles idealisierende Beschreibungen. Aber auch bis heute konkret zu bestaunende Wahrheiten. Und wäre es nicht genau das, was dieser Kontinent der schweren und unheimlichen Prüfungen, was unser zunehmend in die Enge getriebener Freiheitsbegriff derzeit am dringendsten brauchen könnte: eine Vision, die ihn mit neuem Leben füllt, an die er glauben kann, einen utopischen Ort mitten im eigenen Zentrum, einen Platz, an dem seine kühnsten Träume wahr wurden? Wer im Jahre 2026 Freiheit neu verstehen will, der beginne mit dieser Stadt! Noch ist nicht aller Tage Abend. Und die Sonne auf Venedigs Markusplatz, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, selbst als untergehende ein strahlender Zukunftsstern.

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Voller interessanter Einblicke in die Lagunenstadt als vorbildliches Modell für ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit – und, ja, auch für Nicht-Nachhaltigkeit.

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Das einzige Theaterstück der Philosophin Simone Weil. Über die rettende Kraft der Schönheit in dunklen Zeiten.

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Die Ur-Novelle – über die Lebensfreude und deren Fehlen am schönsten Strand der Welt.