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Im Sommer 2025 lag über der Stadt Zürich wochenlang eine unerträgliche Hitze. Michael Gregers Baby konnte in der heissen Wohnung abends schlecht einschlafen. «Ich habe meinen Sohn dann auf unser Gästebett gelegt, auf dem wir unsere Testmatratze aufgebaut hatten. Man kann die Matratze unter anderem kühlen. Der Kleine schlief darauf in wenigen Minuten ein», sagt Greger. Als Vater sei er erleichtert gewesen. «Und als Unternehmer war dies ein erster Wow-Moment und eine Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»
Michael Greger, 33, begann 2024 direkt nach dem Abschluss seines Doktorats an der HSG mit der Entwicklung seines Startups, das seit Juli 2025 als NoxBlanc AG besteht. Zuvor hatte er bereits einen Bachelor und Master an der HSG absolviert. «Viele meiner Studienfreunde verdienen mittlerweile gut, meine Mitgründer und ich hingegen leben von Monat zu Monat noch immer wie Studenten. Das ist eine bewusste Entscheidung: Jeder Franken, den wir privat nicht ausgeben, investieren wir in die Firma und damit in unsere Unabhängigkeit.» Was ihn antreibt, ist seine Vision: «Wir wollen mit NoxBlanc die nächste Generation der Matratze entwickeln. Wenn wir das schaffen, können wir das Leben vieler Menschen positiv verändern.»
Am Anfang stand eine intensive Recherche. Greger sichtete rund 65 wissenschaftliche Arbeiten zu Matratzen und analysierte global existierende Produkte sowie die Patentlandschaft. «Ein grosser Teil der Studien war nur begrenzt aussagekräftig. Einige Arbeiten lieferten aber erste Hinweise darauf, dass die Anpassung von Härtegrad und Temperatur den Schlafkomfort und möglicherweise auch die Schlafqualität beeinflussen kann.» Auch die Marktanalyse stimmte ihn zuversichtlich: «Praktisch kein Anbieter hat bislang beide Funktionen in einer vollwertigen Matratze vereint.»
Aus diesen Erkenntnissen entwickelte das Team ein zum Patent angemeldetes System, das aktive Härte- und Temperatursteuerung in einer Matratze verbindet. Beide Bettseiten lassen sich unabhängig voneinander einstellen. Externe Sensorik erfasst das Schlafumfeld und ergänzt die Matratze.
Daran arbeitet ein interdisziplinäres Team. Gemeinsam mit Kristófer Reynisson (Computerwissenschaft, HSG), Luka Vego (Industriedesign, ZHdK und BFH) und Linus Rüttimann (Elektroingenieur, ETH) entwickelt Greger diese Matratze und das Geschäft rundherum. Das Startup arbeitet bewusst mit schlanker Infrastruktur: Die Entwicklung erfolgt intern, während vier Schweizer Zulieferer die Fertigung übernehmen.
Trotz Unsicherheit – gerade als junger Familienvater – betont Greger: «Ich möchte es nicht anders haben. Mit meinen drei Mitgründern unter den grossartigen Bedingungen der Schweiz etwas aufzubauen, ist ein Privileg.» Doch die vergangenen Jahre seien emotional aufreibend gewesen. «Zu Beginn hatte ich noch regelmässig Selbstzweifel. Ich wusste oft nicht, ob die Fortführung des Projekts gegenüber der Familie noch vertretbar wäre. Man braucht sicherlich Gelassenheit und Ausdauer. Vor allem aber braucht es ein intaktes Gründerteam und das engste Umfeld, das mitträgt.»
Erste Erfolge sind verbucht: Einen funktionierenden Prototypen der Matratze hat das Team in über 70 Nächten getestet. Im Rahmen einer Projektpartnerschaft mit dem Swiss Olympic Innovation Hub testen 30 Athlet:innen, darunter auch Olympia-Teilnehmer:innen, Sensorik und App von NoxBlanc. Die Erkenntnisse fliessen in die weitere Produktentwicklung ein.
«Schlaf hat für alle Sportarten eine zentrale Bedeutung, aber noch gibt es wenig Wissen darüber, wie man ihn optimieren kann, gerade vor Wettkämpfen», sagt Robin Dreyer, der den Innovation Hub von Swiss Olympic leitet. Der Hub vernetzt das Startup mit den Sportler:innen, darunter Ruder:innen und Leichtathlet:innen. «Wir wollen herausfinden, wie die Athlet:innen heute schlafen, welche Bedingungen dabei in ihrem Schlafumfeld herrschen und wie das System von NoxBlanc im Alltag angenommen wird.» Mit Blick auf die nächsten Olympischen Spiele wolle Swiss Olympic die Erholung im Schlaf besser verstehen und wo möglich verbessern, so Dreyer, der ebenfalls an der HSG studiert hat.
Das Potenzial ist gross. «Nach den olympischen Sommerspielen 2024 in Paris haben wir unsere Athlet:innen eingehend befragt. Es hat sich gezeigt, dass guter Schlaf – gerade an einem neuen Ort – für viele eine grosse Herausforderung war.»
Der Innovation Hub fördert jährlich bis zu 20 Projekte im Bereich Innovation und Sport. Ziel ist es, Wissen zu generieren und Tools zu entwickeln, die anschliessend mit verschiedenen Schweizer Sportverbänden geteilt werden. «Gerade das Thema Schlaf betrifft uns alle: Spitzensportler, Nachwuchssportler, aber auch die allgemeine Bevölkerung. Neues Wissen in diesem Bereich ist für viele Gruppen wertvoll», sagt Dreyer.
Eine grosse Frage ist bei Startups auch immer, wie man sich finanziert. NoxBlanc finanzierte sich bislang grösstenteils über Eigenmittel. Unterstützung kam in den vergangenen Jahren von öffentlichen und privaten Institutionen sowie aus verschiedenen Startup- und Innovationsprogrammen. Darunter sind etwa die Gebert Rüf Stiftung mit ihrem First Ventures Programme oder das DeepTech Venture Building Programme der EU. Zudem wurde Greger Anfang September 2026 ins «Entrepreneurial Champions Programme» der HSG aufgenommen. Dieses stellt ihm über ein Jahr insgesamt 100'000 Franken sowie ein Netzwerk von Mentor:innen und Investor:innen zur Verfügung. Das HSG-Programm fokussiert sich auf technologielastige Startups. «Das passt sehr gut – wir sind kein klassischer Matratzenhersteller, sondern eher ein Technologieunternehmen. Wir wollen möglichst viele natürliche Materialien und Technologie so kombinieren, das für unseren Kund:innen ein neues Schlaferlebnis entsteht », sagt Greger.
Ob daraus tatsächlich ein marktfähiges Produkt entsteht, ist noch offen. Greger ist allerdings überzeugt, dass dies gelingt. «Erste Vorbestellungen von Leistungssportler:innen sowie Privatpersonen liegen bereits vor. In den bisherigen Produkttests gaben mehr als 90 Prozent der Testpersonen an, ihre bisherige Matratze durch NoxBlanc ersetzen zu wollen.»
Ende des Jahres soll es nun so weit sein, dass NoxBlanc die ersten Matratzen ausliefern wird – allerdings noch ohne Temperaturmodul, das 2027 verfügbar sein soll und sich per Reissverschluss an der Matratze befestigen lässt.
Wie wichtig Schlaf für Gesundheit und Leistungsfähigkeit ist, sei mittlerweile über den Sport hinaus breit bekannt, sagen die NoxBlanc-Gründer. «Dazu hat beispielsweise das populärwissenschaftliche Buch ‹Why We Sleep› von US-Schlafforscher Matthew Walker viel beigetragen. Die Podcast-Szene rund um Gesundheits- und Optimierungsthemen hat diesen Effekt verstärkt», sagt Co-Gründer Kristófer Reynisson. Auch die Hitzewellen der vergangenen Sommer hätten gezeigt, dass das Schlafumfeld stärker in den Fokus rückt. Besonders für ältere Menschen und andere vulnerable Gruppen können heisse Nächte zu einer gesundheitlichen Belastung werden.
Und die Aussichten verschärfen sich: In Städten wie Zürich drohen bis Ende des Jahrhunderts bis zu 45 Tropennächte pro Jahr, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. Bei Innentemperaturen über 24 Grad steigen die Sterberaten signifikant, und die Schlafqualität leidet, wie das Bundesamt für Energie in einer Studie schreibt. Weil energieintensive Klimaanlagen in der Schweiz als Tabu gelten, hat das Amt Kühlmassnahmen entwickeln lassen, die in der Nähe oder direkt am Körper wirken – unter anderem im Bett. «Der Bund schlägt gekühlte Matratzen vor», titelte der «Tages-Anzeiger» dazu im August 2025. Kühlmatratzenauflagen und Wearables seien vielleicht bald das Einzige, womit Menschen ohne gut gedämmte Nordwohnung noch gut schlafen können.
Damit wird das Thema Schlaf auch über den individuellen Komfort hinaus relevant. Genau dort setzt die Zusammenarbeit von NoxBlanc mit dem Healthspan Lab von des HSG-Professors Dietmar Grichnik am Institut für Technologiemanagement an: Gemeinsam arbeitet man an Forschungsvorhaben zu Schlaf und Gesundheit, dies mit einem Schwerpunkt auf Frauen mit Hitzewallungen.
Der Zeitgeist und die Aktualität scheinen also reif für einen optimierten – sprich individualisierten – Schlaf. Die Frage ist allerdings, ob daraus tatsächlich ein Markt für eine mehrere tausend Franken teure Hightech-Matratze entsteht. «Wir verbringen rund einen Drittel unseres Lebens auf einer Matratze. Gleichzeitig wird sie häufig nach einer kurzen Probe ausgewählt, obwohl sich Körper und Komfortbedürfnisse über die Zeit verändern. Angesichts des steigenden Gesundheitsbewusstseins sind wir überzeugt, dass auch die Bereitschaft wächst, in guten Schlaf zu investieren», sagt Greger.
Eine aktuelle Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts stützt die These, dass Gesundheit und Wohlbefinden ein wachsender Markt sind: Gemäss der 2026 veröffentlichten Studie «Feelgood Revolution» setzte die weltweite Wellness-Ökonomie 2024 rund 6,8 Billionen US-Dollar um. Bis 2029 soll dieser Wert auf 9,8 Billionen steigen.
Greger geht pragmatisch mit der Unsicherheit rund um sein Startup um. «Ich glaube, dass meine Generation in einem privilegierten Land wie der Schweiz nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Verpflichtung hat, mutige Entscheidungen zu treffen», sagt er.
Sein Interesse an Leistung, Erholung und Wohlbefinden reicht bis in seine eigene Sportkarriere zurück. In seiner Jugend besuchte Greger in München das Sportgymnasium des FC Bayern München und trainierte täglich ambitioniert. Knie- und Hüftprobleme warfen den 1,97 Meter grossen Greger jedoch zurück. Er fiel insgesamt zwei Jahre aus. «In dieser Zeit wurde mein Interesse geweckt, wie sich Leistung, Erholung und Wohlbefinden verbessern lassen.»
Heute ist der Ex-Sportler überzeugt, dass die Erholung im Sport noch unterschätzt wird: «Athlet:innen verbringen mehr Zeit mit Erholung als mit Training. Trotzdem wird das Schlafumfeld selten so systematisch betrachtet wie Training oder Ernährung.» Im Zuge der NoxBlanc-Gründung interviewte er auch einen Fussballprofi, der bereits in einem Champions-League-Finale gespielt hatte. «Er schlief vor dem Final auf einer Standardmatratze für ein paar hundert Franken, und war sehr interessiert an unserer Idee.»
Und was, wenn NoxBlanc scheitert? Greger: «Selbst im Falle eines ‘Scheiterns’ haben wir viel gelernt und sind persönlich gewachsen. Unsere Vision, die beste Matratze der Welt zu bauen, treibt uns an und wir glauben heute so sehr daran wie nie zuvor.»

Buch
Das Buch vermittelt Schlafforschung verständlich und alltagsnah und zeigt, wie individuell unsere Schlafbedürfnisse sind.

Podcast
Aus den Erfahrungen anderer Unternehmer:innen nehme ich viel für den eigenen Firmenaufbau mit; besonders inspirierend finde ich die Folge mit BORA-Gründer Willi Bruckbauer.